Zwischen Magie und Massentourismus
Es ist wieder soweit: Die Welt teilt sich in zwei Lager. Die einen fangen bereits im November an, Pailletten an ihre Unterwäsche zu nähen, während die anderen beim ersten Ton vom Bierkapitän panisch ihre Koffer packen. Hier möchte ich erwähnen, dass ich großen Respekt vor allen habe, die sich in zahlreichen Faschingsvereinen Ehrenamtlich engagieren – und so z.B in sozialen Einrichtungen für ein klein wenig Abwechslung sorgen. Trotzdem, zähle ich mich eher zur zweiten Hälfte – oder sitze irgendwo beim Bäcker – denn sind wir mal ehrlich, das einzig wahre Highlight an diesem Zirkus, ist das essen von Frittierten Teigwaren ohne schlechtes Gewissen. Ohne Kiachla wäre der Februar ein grauer Monat, mit schrecklicher Musik. Noch immer muss ich schmunzeln, wenn ich daran zurückdenke, wie es gerade mir passieren konnte, versehentlich in den Karneval nach Venedig zu reisen.
Wie in jedem neuen Jahr stand ich vor der Entscheidung wohin mich meine erste lang ersehnte Reise des Jahres führen sollte. Ein bisschen Sonne wäre schön – aber bitte nicht zu viel. Ich wollte neue Städte erkunden, Rom und den Vatikan kennenlernen, so entschied ich mich für eine Reise durch Italien mit dem Zug. Auf meinem Plan stand ebenfalls Venedig, die Stadt der Liebe. Ich wollte einen ruhigen morgendlichen Spaziergang unternehmen, das wundervolle Licht der Stadt mit meiner Kamera einfangen. Wie immer, die Zeit bevor sich die Straßen füllen nutzen um an den Kanälen entlang zu bummeln. Was ich nicht auf dem Schirm hatte : Mein Besuch fiel mitten in die Hauptzeit des Karnevals.

Ich bin kein Kostümfan, doch was ich dort erlebte, war eine einzige Outdoor – Fotosession. Vergesst alles, was ihr über den Fasching in Deutschland kennt – Venedig nimmt euch für einen kurzen Moment mit in seine magische Welt. Die Maskenträger sind keine verkleideten Touristen, die nach ordentlichem Alkoholkonsum lallend durch die Gassen laufen – sie sind Künstler. In unglaublich aufwändigen Roben posieren sie stundenlang geduldig und erzeugen eine Atmosphäre, als wäre man 300 Jahre in der Zeit zurück gereist.



Anfangs war ich total überfordert – Venedig an sich ist laut und viel, doch zur Karnevalszeit herrscht Ausnahmezustand. Daher flüchtete ich, nach dem ersten Schock auf die Fähre nach Murano. Es war noch früh am Morgen, so fand ich nach einer 2o – minütigen Fahrt, die ersehnte Ruhe auf der kleinen Insel. Die Insel liegt in der Lagune von Venedig und ist vor allem bekannt für ihre Jahrhundertalte Tradition der Glasbläserei und die kleinen bunten Häuser entlang der Lagune sind so unglaublich schön anzusehen.





Zurück im Trubel ließ ich mich einfach noch ein bisschen durch die Gassen der Stadt treiben und stellte fest, du kannst die Kamera einfach nicht mehr weglegen. Hinter jeder Ecke wartet ein neues Kunstwerk. Als Fotograf gerätst du in einen Sog, es sind nicht nur die barocken Kostüme, die Maskenträger sind Profis. Ein Blick, eine Neigung des Kopfes und das perfekte Portrait ist im Kasten. Der Trick zwischen all dem Getümmel, eintauchen den Rausch mitnehmen und schnell wieder verschwinden. Ob ich euch eine Reise nach Venedig zur Karnevalszeit empfehlen würde, weiß ich bis heute nicht genau. Wäre ich nicht versehentlich dort gelandet, hätte ich es vermutlich nicht gemacht. Trotz allem erinnere ich mich gern an den Tag zurück, und die dort entstandenen Bilder lassen mich bis heute staunen, und in Erinnerungen schwelgen.





